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Bis es zu Ende ist - Ein Weihnachtspaziergang

Marsili Cronberg 21.Dezember 2011Bis es zu Ende ist - ein WeihnachtspaziergangEs wird wieder kalt. Der Atem kondensiert, es zwickt an der Nase und ich ziehe mich zusammen in meinem Mantel, so als könnte ich mich noch tiefer in meinem dicken Schal verkriechen. Und in der Ferne, da hinter dem flachen Land, sehe ich Kölns Kulissen. Den Fernsehturm und das gewaltige Funkhaus mache ich aus, das Unicenter und natürlich die beiden vertrauten Spitzen des Doms. Wenn ich über die flachen Felder in Richtung Köln schaue, nach Norden, dann sehe ich aber auch sich gespenstisch auftürmende Wolkenberge. Sie stammen von riesigen Industrieanlagen im Westen Kölns. Ich kenne die Standorte nicht, habe mich noch nie dafür interessiert. Irgendwie kommen sie aus dem Niemandsland, irgendwie sind sie immer da, beinahe geheimnisvoll, wie milde Riesen, ihre Wirkung hängt ganz vom Blick des Betrachters ab. Und Flugzeuge ziehen ihre Spuren, ihre sich auflösenden Kondensstreifen kreuzen den kaltmatten Nachmittagshimmel.Das Laub ist gefallen, die Bäume stehen kahl und erstarrt. Die Natur kehrt in sich zurück, das Leben entschleunigt sich und bald wird Schnee fallen. Wieder geht ein Jahr zu Ende.

Es gab eine Zeit, da fanden auch die Menschen zur Ruhe im Winter. Die Vorräte waren eingefahren, die Arbeiten getan und irgendwo in mir regt sich ein altes genetisches Programm, das mich länger schlafen lässt, mich zum Ruhen zwingt in diesen Tagen. Dieser Drang ist ein uraltes Vermächtnis, das noch immer in uns ist und die Weihnachtszeit erweckt es ganz sanft zum Leben. Ein ewiger Zyklus der Natur wirkt in mir und beim Spaziergang durch die kahlen Felder ist mir für einen Augenblick, als würden die Errungenschaften der Zivilisation von mir abblättern wie getrockneter Lehm. Es war ein aufregendes Jahr. Fast habe ich das Gefühl, als würde sich alles immer schneller und schneller drehen. Manches türmt sich geradezu auf, Schuldenberge, Müllberge, Ängste. Irgendwie muss ich daran denken, als ich auf einen Feldweg einbiege, neben mir abgeerntete Maisfelder. Ein paar letzte Wildgänse haben auf der Wiese Halt gemacht. Sie schnäbeln im Boden herum, recken sich, schlagen mit den Flügeln. Bald werden sie weiterfliegen.

Ich laufe weiter. Bald erreiche ich eine gewaltige umzäunte und sorgfältig ausgehobene Grube. Wie ein Raumschifflandeplatz wirkt sie, ganz still erstreckt sie sich unter mir und ihre seltsame Ausstrahlung fesselt mich jedes Mal, wenn ich hier vorbei laufe. Direkt unter mir muss ein Abfluss sein, mannshoch und mit sorgfältig aufgetürmten Steinkolossen eingefasst. Ich habe so manches Mal nach dem Zweck dieses vor einigen Jahren errichteten Bauwerkes gesucht, das seit seiner Fertigstellung ungenutzt seiner Bestimmung harrt. Doch meine Fantasie stößt bei diesem Gebilde an ihre Grenzen. Immer bleibe ich stehen am Zaun und atme tief durch. Wann wird das Raumschiff landen? Kommt es von einem fernen Planeten? Werden hier in der Grube die Rituale des ersten Kontakts durchgeführt? Jedes Mal kommen mir hier diese Gedanken. Dann gehe ich weiter, sauge fröstelnd die kalte Luft in die Lungen.Wie leicht ist es, über Unvernunft zu urteilen und wissend das baldige Ende des Wohlstandes herbeizuahnen. Daß es bereits in Sichtweite ist, wird uns von Tag zu Tag bewusster. Wie die Morgensonne geht es auf am Horizont der Zeiten. Und jeder Schritt des Umkehrens scheint in ungehemmtem Wachstum zu versickern. Überrollt werden wir davon.Manchmal verzweifelt man. Da wird so vielen Menschen bewusst, wie rückständig und umweltzerstörend zum Beispiel die Massentierzucht ist und trotzdem werden immer neue Schlachtrekorde aufgestellt. Da wissen wir längst, wie hochgefährlich für uns Menschen der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung ist und trotzdem bringt die meisten ein Ausbruch gefährlicher resistenter Keime mit vielen Toten nur ganz kurz zum Nachdenken. Und dass wir mit minderwertigen Lebensmitteln wie Tütensuppen und Süßstoffen unsere Gesundheit ruinieren und die Krebsraten immer weiter wachsen, lässt die meisten auch kalt. Ja was bringt uns denn nun zum Anhalten, kann das wirklich nur der Tod? Wir machen weiter, immer weiter bis es zu Ende ist.

Wir sind Gefangene. Und wir tragen nicht einmal Schuld. Kann man ein Kind verurteilen, das mit Freude Ameisen auf dem Weg zertritt, wenn es gelernt hat, dass Ameisen schädlich sind und am besten mit Backpulver zum Platzen gebracht werden? Kann man einen Mann verurteilen, der Berge von Fleisch in sich hineinfrisst, wenn er Tagein Tagaus gehört hat, dass Fleisch ein Stück Lebenskraft ist? Kann man uns für unseren ungehemmten Konsum verurteilen, wenn wir immer wieder lesen und hören, dass Wachstum so immens wichtig ist, und der jungdynamische Börsenmann mit der altmodischen Brille in ntv überschlägt sich fast, wenn der DAX mal wieder ein paar Punkte gewonnen hat. Kann man uns für die aufgetürmten Schulden verurteilen, wenn man uns immer wieder damit ruhig stellt, dass diese in der Zukunft schon irgendwie abgetragen werden? Kann man uns für den Raubbau verantwortlich machen, wenn uns eingebläut wird, dass die Wirtschaft immer an erster Stelle steht und Umweltschutz nur bei brummender Wirtschaft möglich ist? Kürzlich habe ich gelesen, dass unser Wohlstand im Wesentlichen auf dem Abbau fossiler Ressourcen beruht. Industrielle Revolution, technischer Fortschritt ja auch Demokratie und Wohlfahrt wären ohne diesen Abbau nicht möglich gewesen. Wo wären wir, wenn wir die Natur nicht ungehemmt ausgeräubert hätten? Wären wir noch im Mittelalter?Wieder bleibe ich stehen. Die Sonne steht jetzt dunkelorange am Horizont und brennt sich gleißend durch die hohen Federwolken. Ein paar Wildgänse ziehen da oben entlang. Nach Süden. Gleich ziehen sie vor den Sonnenball. Wie mögen diese wunderschönen Tiere uns Menschen sehen? Nehmen sie uns überhaupt wahr? Oder erkennen sie nur unsere Spuren, die wir auf dem Planeten hinterlassen? Die Gänse wirken auf mich wie Vertreter einer fremden Zivilisation. Sie leben in einer ganz anderen Wahrnehmungswelt wie wir. Man sagt, wenn eine Gans nicht mehr kann und landen muss, landen stets 2 Gänse mit ihr. Sie bleiben so lange bei der Erschöpften, bis sie weiterziehen kann. Wie stark diese anmutigen Vögel sind. Und was machen wir Menschen? Verspeisen ihre Verwandten zu Millionen zum bevorstehenden Fest der Liebe und besinnlichen Einkehr.

Doch sind wir Menschen nicht genauso unschuldig wie diese Gänse da oben? Sind wir nicht genauso in unser Leben und in unsere Sitten geboren worden wie die Gänse in ihre Lebensweise? Doch wem, wenn nicht uns, kann man denn dann die Schuld dafür geben, dass wir den Planeten ruinieren? Den Politikern? Den Industriebossen und den Bankern? Den ganzen skrupellosen Menschen, die die Geschicke der Welt lenken? Aber sind nicht auch sie Gefangene? Kann ein Firmenboss wirklich so ohne Weiteres das Ruder herumreißen und auf größtmögliche Nachhaltigkeit in seinem Unternehmen setzen? Was, wenn das Unternehmen daraufhin Verluste macht? Wird man den Firmenboss weiter gewähren lassen? Oder wird man ihn rechtzeitig ersetzen, um diese Dummheit zu beenden? Und die Belegschaft wird jubeln über den Rauswurf und die Rückkehr zur konventionellen Produktion, die Arbeitsplätze sind gerettet und zurecht dürfen sie jubeln. Es ist hoffnungslos. Kanada ist aus dem Klimaabkommen ausgetreten, weil es riesige Ölfelder erschließen will und die Klimaziele dadurch weit verfehlen würde. Ein gigantisches Geschäft winkt und wie ein unliebsam gewordenes Hobby wird dieses Klimagedöns nun einfach aufgegeben. Die anderen können ja weitermachen damit. Oder die ungehemmte Regenwaldabholzung in Brasilien. Sie wird nun legalisiert, die Agrarlobby hat sich durchgesetzt. Der Anbau von Futtermittel für die Massentierzucht in Europa ist ein gigantisches Geschäft. Und man kann es ihnen nichtmal so richtig übel nehmen. Warum sollten sie auf das Geschäft verzichten? Jeder, der konventionelles Schweine- oder Hühnchenfleisch isst, oder konventionelle Eier, legitimiert dieses Geflecht mit seinem Konsum und verputzt am Ende damit auch ein Stück Regenwald.

Doch was werden Argumente und Weghören wert sein vor dem aufziehenden Tribunal der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten? Wird sich auch der Schuldenberg zurückdiskutieren lassen, wenn er über uns einstürzt? Und was ist mit den Naturgesetzen? Werden Stürme, Krankheitserreger, das kollabierende Klima auf uns hören wenn wir ihnen entgegenbrüllen: „Jetzt ist aber mal gut, verschwindet und lasst uns in Ruhe!!!“Ich fürchte, vor dem Gericht der natürlichen Gesetze werden unsere Argumente nicht mehr sein als heiße Luft. Diesen den entscheidenden Gerichtsprozess- werden wir verlieren. Denn dann wird das Recht des Stärkeren sich gegen uns wenden. Dann werden wir auf der Verliererseite sein. Wir wissen es. Wir wissen es alle. Doch wir können nichts tun, weil wir Gefangene sind. Wir fahren weiter Autos, essen Fleisch, heizen und konsumieren weit über unsere Bedürfnisse hinaus. Weil wir ohne Schuld sind. Und während ich auf einen Weg einbiege, der mich nun langsam wieder zurückführt, weiß ich, dass ein warmes zu Hause da auf mich wartet. Und der Fernseher steht bereit. Oder wahlweise mein Computer. Wohin würde ich kehren, wenn ich auf die Errungenschaften verzichten würde, die letztendlich den Planeten ruinieren? In eine kalte Hütte ohne Licht? Was, wenn ich die Wahl hätte? Vielleicht würde ich es mal ausprobieren, einen Tag in der Hütte zu wohnen. Nicht länger. Ganz bestimmt nicht.Ich bin in diesem Jahr zum Veganer geworden. Es gibt ein Buch, das meinen Weg beschreibt, „Wie ich verlernte, Tiere zu essen“. Es fühlt sich gut an, diesen Schritt getan zu haben. Und wenn ich ehrlich bin, dann ist es ein Schritt, der besonders einfach ist. Man muss sich nur etwas umstellen und achtsamer werden, dann wird man auch reich belohnt. Mit Verzicht oder Einschränkung des Lebensstandards hat das aber kaum zu tun.

Und denen, die auf diese Mißstände zeigen, schlägt direkt ein Sturm der Entrüstung entgegen. Wie gern treten wir nieder, was uns aus der Ruhe bringt. Und wie leicht es ist, Mahner zu überhören, zum Verstummen zu bringen oder sie zu denunzieren. Erst kürzlich hat ein bekanntes Nachrichtenmagazin eine abstoßende Hetzkampagne gegen eine Parteifrau der Piratenpartei gestartet. Nach gründlicher Recherche ist man auf ein Internetportal gestoßen, auf dem die Frau Lebenshilfe anbietet. Man rieb sich die Hände, blies eine Menge Empörung auf und steckte sein wehrloses Opfer schnurstracks in die esoterische Ecke. Erledigt der Fall, Karriere beendet, Piratenpartei beschädigt. Sie passt nicht ins System. Und die Occupybewegung, die Menschen, die die Banken belagern und Umkehr fordern alles halbstarke unreife Lauthälse, Lümmel, eine Schande für die gesittete Gesellschaft, so was gehört sich nicht, wo ist denn der Anstand geblieben? Wie leicht ist es, Mahner nieder zu argumentieren. Alle machen Fehler. Pech gehabt, in einem Raubtierkäfig werden Fehler nicht verziehen. Eiserner Wille und scharfe Zähne haben uns groß gemacht, nicht Gefühlsduselei. Ein Bollwerk haben wir errichtet zur Verteidigung des Lebensstandards, unüberwindbar ist es und wer das System angreift, bekommt seine geballte Macht zu spüren. Wir sind im Recht!!! Es widerspricht keinem Gesetz, die Ressourcen zu nutzen, jeder hat das Recht auf Wohlstand und Wachstum und für unsere Moral reicht es, zu Weihnachten für ein paar afrikanische Hungerkinder zu spenden. Vor jedem Gericht und in jeder Talkshow wird dieses Bollwerk bestehen. Es wird die Occupybewegung zerbröckeln, die Argumente der Mahner gegen ungehemmtes Wachstum oder Fleischkonsum wirkungslos machen, die Umweltschützer erlahmen lassen. Und wenn die mahnenden Stimmen zu laut werden, können wir immer noch die Ohren zumachen. Dann wird nichts passieren, denn es ist ein sehr starkes Recht, auf dem wir uns ausruhen können. Es ist das Recht des Stärkeren.

Doch auch wenn meine Klima- und Gewissensbilanz sich verbessert hat, fühle ich mich weiter wie ein Gefangener. Und ich weiß, was mich gefangen hält. Es ist eine Binsenweisheit und trotzdem ist sie wahr: „Geld zerstört die Welt.“ Geld ist das Blut, das durch die Adern unseres Gesellschaftssystems fließt und unser Handeln legitimiert. Geld ist eine Droge, es ist eine Peitsche, es ist Wasser und Brot und Gewehrkugel zugleich. Und es frisst unsere Zeit auf. Wenn es fehlt, wirst du krank. Nur wenn du genug hast, gehts dir gut. Am Geld hängen Glück und Verderben. Ohne Geld gäbe es keine Banker!!! Nur wer ungewöhnlich stark ist, kann sich diesem über Jahrhunderte gewachsenen System entziehen. Ich kann es nicht. Milliarden können es nicht. Wir sind zu schwach.Ist alles ausweglos? Werden wir wissend solange wohlständeln bis es zu Ende ist und der Planet, dem wir den Wohlstand verdanken, nicht mehr kann?Ich bin vor einer großen Pfütze stehen geblieben. Wochenlang hat es nicht geregnet und jetzt scheint die Natur alles nachholen zu wollen. Alles scheint aus dem Lot zu geraten. Ganz vorsichtig balanciere ich auf dem Gras am Wegrand entlang. Es matscht und trieft unter meinen Sohlen.Vielleicht wird man irgendwann Bücher über unsere Epoche schreiben. Sie werden Namen tragen wie „Die Jahrhunderte des Egoismus“ oder „Wissend in die Katastrophe eine Bilanz des technischen Zeitalters“. Man wird unsere Epoche als die verheerendste seit Beginn der Menschheit bezeichnen. Der Ausbruch der Selbstsucht, das ungehemmte Wüten des Konsums, die ultimative Machtübernahme des Geldes. Vielleicht wird es ein paar Helden geben, Albert Schweitzer wäre ein solcher. Oder ein von der Agrarlobby in Brasilien getöteter Regenwaldschützer, die Auswahl hat sich dort im Jahr 2011 stark erweitert.

Ein törrichter Gedanke, dieses Buch. Peinlich geradezu. So peinlich wie die Occupybewegung, die Piratenpartei oder die vegane Bewegung. Überhaupt die ganzen Umweltheinis. Nichts als Träumer, Spinner. Sie lassen sich alle nieder argumentieren. Ganz leicht ist das, es gilt nunmal das Recht des Stärkeren und solange Politik und Industrie die meisten Menschen hinter sich wissen, werden sie auch gewinnen. Und wer ungemütlich wird, wird eben gekauft. Niemand widersteht der Macht des Geldes. Harharhar. Und zur Not ist da ja noch das milde Lächeln der Politiker im Angesicht ein paar frierender Protestanten im Frankfurter Bankenviertel. „Wir verstehen euch ja“, lächeln sie vertraulich „wir nehmen euch ernst.“ Alles im Lot. 2012 kann kommen. 2012? War da nicht was? Es wäre ein so schönes Jahr für den einsetzenden Wandel.Es dämmert, als ich wieder nach Hause komme. Ich bin durchgefroren und freue mich auf eine heiße Badewanne. Vielleicht kann sie meine Resignation vertreiben. Es ist so schwer, so unsagbar schwer, sich gegen den größten anzunehmenden Feind von Natur, Zukunft, ja des ganzen Lebens zu wehren. Gegen den Feind, der in uns Menschen sitzt. Er besticht uns täglich, macht jeden von uns zu seinem Soldaten und seine Armee zählt 7 Milliarden Köpfe. Das heiße Wasser rauscht und gluckst, als es in die Wanne läuft. Bald ist Weihnachten. Die Geburt des Erlösers. Und obwohl ich nicht religiös bin, bete ich heute: „Komm zurück und erlöse uns von den gewaltigen Fesseln, die uns gewachsen sind. Wir schaffen es nicht allein.“Marsili Cronberg

Die Angst. Allgegenwärtig ist sie inzwischen. Angst vor dem Schuldenberg, der über unsere Köpfe hinauswächst, Angst vor dem Kollabieren des EURO. Angst davor, dass wir wie Goethes Zauberlehrling die Kontrolle über die Mechanismen der Wirtschaft verlieren. Und das Klima erwärmt sich auch viel schneller als befürchtet.Wer hat Schuld? Wenn wir Angst haben, suchen wir immer auch nach Schuldigen. Wie leicht ist es, mahnend den Finger zu heben. Irgendwie scheint es modern zu sein, die menschliche Gier zu geißeln und sich in Fatalismus zu üben. „Die Menschheit machts sowieso nicht mehr lange“, und dann plustert man sich auf und schüttelt mit dem Kopf über die Abholzung der Regenwälder, die Ruinierung der Meere und man meint natürlich nicht sich selbst, sondern immer die anderen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin auch nur ein Mensch.

Unweit entfernt liegt ein See. Er ist Hinterlassenschaft des Sandabbaus hier am Ortsrand. Wunderschön ist er, von alten Baumriesen umgeben und eine Schwanenfamilie hat hier ihr zu Hause gefunden. Der See ist eingezäunt, Betreten verboten. Daß sich viele nicht daran halten, davon zeugen die vielen Löcher im Zaun und die ausgetretenen Pfade hinunter ans Wasser. Kürzlich spazierte ich mit meinen Kindern am Ufer entlang und wir genossen die Stille. Die Schwanenfamilie kam bedächtig angeschwommen und beäugte uns neugierig. Ganz ruhig saßen wir am Ufer, sogar meine Töchter hielten still und die Schwäne vertrauten uns, näherten sich ganz sacht. Schließlich vertrieb uns ein Wächter des Sandbetriebes. Privatgelände. Wir haben hier nichts zu suchen. Heute lasse ich den See links liegen. Ich habe keine Lust auf Ärger. Auf den Schildern wird mit Bußgeldern und der Polizei gedroht.

Vielleicht wird es aber auch ein Buch vom Wandel geben. Vielleicht wird es davon berichten, wie in den industriell hoch entwickelten Ländern eine Welle des Umdenkens einsetzte. Wie immer mehr Menschen aufwachten und Konsequenzen zogen. Wie die Medien ihre Verantwortung erkannten und sich im Angesicht der drohenden Zukunft nicht mehr über Occupy oder Veganer lustig machten. Wie die Nachfrage nach regionalen und nachhaltigen Produkten auf einmal sprunghaft anstieg, wie der Flugverkehr abnahm und die Autobahnen wieder leerer wurden, wie sich auf einmal die Regenwaldab-holzung verlangsamte und damit auch die Morde an Umweltaktivisten aufhörten, weil der Fleischkonsum in Europa zurückging. Vielleicht steht dann geschrieben, wie die Meere sich langsam wieder erholten. Und wie auf einmal eine wirkliche Energiewende einsetzte, eine Wende des Sparens. Und dann sprang der Funke von den Industrieländern auf aufstrebende Länder wie China und Indien über und dann auf Afrika, Asien, Südamerika. Schon seit langem üben westliche Staaten eine Vorbildfunktion für diese Länder aus. Auf einmal ging weltweit die Nachfrage nach umweltschädlichen Produkten zurück. Der 3-Liter-Motor wurde aus den Schubladen geholt, die Bauern konnten wieder ökologisch anbauen, MC Donalds setzte auf Salat und vegane Burger und entfernte den Gips aus den Brötchen und die Benzoesäure aus den Gürkchen. Letztendlich regulierte der Markt die Umweltverträglichkeit der Produkte, weil die Verbraucher weltweit begriffen, wie groß ihre Verantwortung ist und wie falsch es war, in dieser überlebenswichtigen Frage der Politik und der Industrie zu vertrauen und damit den Bock zum Gärtner zu machen.

Und ein Wunder geschah. Es offenbarte sich, dass wir die mit giftigen Zusätzen konventionell hergestellten Billigprodukte teuer mit unserer Gesundheit bezahlt hatten, dass Tierkonsum ungeheure Ressourcen fraß und uns ebenfalls krank machte. Natürlich hergestellte Produkte waren auf einmal billiger als giftige. Eine große weltweite Wende. Es war haarscharf und das Umdenken war mit schmerzhaftem Erkennen, gewaltigen Anstrengungen und hohen Opfern verbunden, doch am Ende gelang der Wandel, das Klima kollabierte nicht, Zivilisationskrankheiten wie Krebs und Depressionen gingen zurück und unsere Kinder hatten wieder eine Zukunft.



ART for FUTURE

by Marsili Cronberg and friends