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Hof Butenland - Das geheimste Experiment des Lebens

Marsili Cronberg 10.Juli 2011Hof Butenland - Das geheimste Experiment des LebensPsssst. Ich verrate euch ein Geheimnis. Nicht weitererzählen und bitte nur hinter vorgehaltener Hand munkeln: Ich bin auf ein streng geheimes Projekt gestoßen, in dem ganz erstaunliche Experimente durchgeführt werden. Ich glaube, die CIA steckt dahinter. Oder irgendeine uns unbekannte Organisation, vielleicht sogar die sagenumwobene und als verschollen geltende FDP?Na, ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber jedenfalls scheint das ganze hochbrisant zu sein. Das Testgelände befindet sich auf Butjadingen, das ist eine kleine Halbinsel zwischen dem Jadebusen und Bremerhaven. Dort ganz im Norden gibt es einen Bauernhof, Hof Butenland nennt er sich. Ein idyllisches Tierleben wird einem dort vorgegaukelt, 120 Tiere leben dort ohne die Gefahr, in die menschliche Nahrungskette zu geraten. Natürlich ist das nur ein schöner Anstrich für eines der geheimsten Experimente, das es in den letzten 600 Jahren gegeben hat: Die Entwicklung lebensecht wirkender Cyborgs!Pfingsten 2011 war es, als ich mich mit meiner Frau und unseren beiden Töchtern dort für 2 Nächte einmietete. Und natürlich waren wir von Beginn an begeistert! Wir konnten doch noch nichts ahnen ...

Zuerst kam Prinz Lui auf uns zugewackelt, das ehemalige Zirkusschwein, dick ist gar kein Ausdruck für seine Ausmaße. Rund ist besser. Runder als ein Kreis ist Prinz Lui. Das kann gar nicht mit rechten Dingen zugehen! Jetzt im Nachhinein wird mir natürlich alles klar, auf Hof Butenland wird ausgetestet, wie weit sich die Grenzen der Physik dehnen lassen. Prinz Lui soll angeblich unter Menschen aufgewachsen sein und damit versucht man nun, sein spannendes Wesen zu erklären, das so gar nicht zu einem Schwein passen will. Natürlich . Jajaja.Aber ich habe alles durchschaut! Ein Cyborg der Unterhaltungsklasse ist da unterwegs auf dem Hof. Er wurde für einen schwerreichen arabischen Scheich entwickelt, der es sich leisten kann, ein solch extrovertiertes Wesen über sein Anwesen wuseln zu lassen. Ein Langeweiletöter ist der Prinz, ein Angriff auf die Grinsemuskeln. Wie ein Tamagotchi fordert er ständige Aufmerksamkeit und ständiges Fresserchen und zahlt das Hätscheln seiner Allüren mit tief zufriedenem Grunzen zurück. Ein echtes Schwein. Jaaaaaa klar.Bei Rudi, dem anderen Schweincyborg, der angeblich 2 Jahre lang auf 2 Quadratmetern aufgewachsen und dabei durch Verfettung erblindet sein soll, bin ich mir über die Verwendung etwas unsicher. Ganz gemütlich und zufrieden trabt er über den Hof, stößt dabei seltsame Geräusche aus, rüffelt mal da, nascht mal dort und ist irgendwie immer einfach nur er selbst. Man sollte sich ihm aber nur vorsichtig nähern, denn aufgrund seiner Blindheit erschrickt er schnell über unerwartete Berührungen, die nicht in seine gewohnte Schweinewelt passen. Karin Mück lässt er natürlich gewähren, denn die Cyborg-Versuchsleiterin weiß, wo man ihn kuscheln muss, um dessen Wohlbefinden zu steigern. Das ist natürlich keine Kunst, denn offenbar hat sie bei der Programmierung der Tiere entscheidend mitgewirkt. Freilich versteckt sie ihre wahre Identität vor uns Gästen hinter einer Fassade, die natürliche Lebensfreude ausstrahlt. Bis zur Abreise habe ich noch keinen Verdacht geschöpft, erst zu Hause ist mir aufgegangen, daß ein solcher Hof mit solchen Menschen und solchen Tieren in der Realität gar nicht existieren kann. Es ist nicht möglich.

Jan Gerdes ist Bauer. Natürlich ist er das nicht, er sagt es nur von sich. Jan ist kein Bauer. Ich stellte ihn mir stämmig vor auf unserem Weg hin zu Hof Butenland, wortkarg würde er sein, etwas grummelig, immer geschäftig etwas werkelnd. Aber dann steht da jemand ganz anderes vor einem mit bescheidenem Lächeln im Gesicht und er passt überhaupt nicht zum Bild eines Bauern. Ein sanfter Mensch, sensibel und empathisch. Aber nein, mich können sie nicht mehr täuschen. So ein feinsinniger Mann kann unmöglich auf dem Bauernhof aufgewachsen sein, kann unmöglich für viele Jahre als Bauer gearbeitet haben, kann unmöglich diese Lebensgeschichte hinter sich haben, die man sich von ihm erzählt.Sonntags saßen wir gemütlich schnakend auf der Hofbank, als Jan sich erhob, um eine Wiese zu mähen. Jeder ordentliche Bauer hätte uns ein schlechtes Gewissen fürs Rumsitzen eingeredet und Jan schlich sich zwar an uns vorbei der Trecker stand im Standgas tuckernd bereits auf der Wiese bereit doch was murmelte er uns zu? Nicht etwa: „Sitzt hier nicht so faul rum!“ oder: „Ihr habts gut!“ was so klingt wie „sitzt hier nicht so faul rum!“ nein, er seufzte nur: „ach, am liebsten würde ich mich wieder zu euch setzen “Was für ein Bauer. Ich meine Forschungsleiter. Ich frage mich gerade, welchen Rang er bei der CIA bekleidet. Oder wo auch immer er angestellt ist. Und ich könnte mir sogar vorstellen, daß er ein hoher Angestellter ist. Eine perfektere Tarnung gibt es gar nicht. Leider zu perfekt. Für mich jedenfalls.Und dann kam Eberhard. Die große Schwachstelle in der Butenländer Tarnung. Ich schätze, dieser Enterich-Cyborg ist einfach ein älteres und noch fehlerbehaftetes Modell. Er steht immer am gleichen Fleck am Durchgang zwischen Hof und Weideland, nähert sich immer mit dem gleichen heiseren Keuchen und den gleichen rhythmischen Verrenkungen dem Vorbeiwandernden und ruft immer die gleichen Reflexe bei denjenigen hervor, die sein Cyborgwesen nicht durchschauen: aufgerissene Augen. Ungläubigkeit. Fasziniertes Staunen. Und dann nähert er sich, Zentimeter für Zentimeter. Er pumpt sich quasi an einen heran mit seinen Halsbewegungen. Und wenn man von Karin nicht gewarnt wird und er den Beinen zu nah gekommen ist, dann schnellt sein Schnabel hervor und man gerät in seine Markierungswerkzeuge, die große blaue Flecke an den Waden hinterlassen sollen. Karin war immer darauf bedacht, ihn von dieser Aktion abzuhalten, ich vermute, daß in der so entstehenden Markierung an den Waden der Besucher ein geheimer Code versteckt sein könnte wenn man Eberhard gewähren lassen würde. Vielleicht ergibt sich bei der Nebeneinanderreihung diverser blauer Eberhard-Flecken der geheime Zugangscode zu einem unterirdischen Versuchsgelände. Oder gar die richtigen Zahlen vom kommenden Mittwochslotto. Wer weiß, wer weiß?

Ich habe die Eisbärin vergessen. Ja, eine echte Eisbärdame gibt es auf Hof Butenland. Eigentlich war sie der erste Cyborg, dem wir begegnet sind, denn sie liegt meist vor dem Tor und ruht in sich selbst, auch wenn man das Tor öffnet und sie im Weg liegt, denkt sie nicht daran, zur Seite zu gehen. Es wird schon alles gut gehen, denkt sie sich dann.Karin will uns veralbern, meint, daß sie ein Hund ist, ein überzüchteter Hütehund. Jaja, Karin. Im ersten Moment habe ich es auch geglaubt, aber jetzt im Rückblick kann ich nur grinsend den Kopf schütteln. Kylie ist eindeutig ein Eisbärcyborg. Etwas zu klein geraten vielleicht, aber durch und durch Eisbär. Es gibt keinen Hund, der ein solches Fell hat. Diesen Eisbären lasse ich mir nicht aufbinden. Neinein.Ha, Hunde gibt es natürlich auch. Diverse interessante Modelle. Da ist zum Beispiel der Zwergenmann. Eine kleine Laufdrohne mit Spinnenbeinchen, die mit ihrem unermüdlichen Tribbeln eher an einen Kolibri erinnert als an einen Hund. Wirklich verrückt, was die CIA sich alles ausgedacht hat. Bei Princessca dagegen frage ich mich bis heute, wofür sie entwickelt wurde. Sie soll einst schwer misshandelt worden sein, kann nicht mehr gut laufen, wird deshalb mit einem Wagen durch die Gegend gefahren. Konstruktionsfehler? Oder doch ein tieferer Sinn? Sie weckt wirklich erstaunliche Gefühle, strahlt etwas sehr Erhabenes aus, richtige Würde und vor allem Dankbarkeit. Ein Wesen, das einen durch seine bloße Existenz zum Nachdenken bringen kann. Bringen „könnte“ wohlgemerkt, denn auch sie ist natürlich nicht echt. Und dann ist da noch Master. Für mich ebenso eine Schwachstelle in der Butenländer Tranung, denn es kann so einen Hund nicht in echt geben. Er ist eine richtige Person, strahlt Übersicht und Ruhe aus. Scheint alles im Griff zu haben. Ein ganz starkes Wesen, er erinnert mich ein wenig an Nelson Mandela in seiner Art. Karin erzählt seine Geschichte. Sie erzählt davon, wie er mit vielen Hunden in Spanien in der Tötungsstation saß und beruhigend auf alle einwirkte, seine weise Pfote auf die anderen legte und sagte: „Nur die Ruhe. Alles wird gut. Habt Vertrauen, bald können wir unsere Freiheit genießen.“Und dann wurden wirklich alle Hunde vermittelt. Er blieb als letzter zurück wie ein alter weiser Kapitän, der sein Schiff als letzter verlässt. Und er blieb ruhig. Und dann kam auch für ihn die Freiheit. Er hatte Recht behalten. Ach Karin, was für eine schöne Geschichte.

Ein Meisterwerk der Technik sind natürlich die Kühe und damit nähere ich mich dem Herzstück des Geheimprojektes. Karin führt uns auf die Weide und erzählt zu jeder Kuh eine ganz eigene, persönliche Geschichte. Da ist Pietje aus Cholland. Liebt Fahrräder. Vor allem zwischen ihren Hörnern. Und sie sieht aus wie? wie eine Holländerin. Und sie kommt aus? aus Holland. Ich habe sie mit „Goeden Dag!“ begrüßt und sie meinte darauf: „wir sind Vize, ihr nur dritter, Ätsch.“Ich antworte: „Aber Robben! Robben hat doch im Finale den Sieg auf dem Fuss gehabt und leichtfertig verschenkt! Das ist viel schlimmer, als dritter zu werden wie wir, immerhin haben wir das kleine Finale gewonnen.“ Pietje macht darauf ein beleidigtes Gesicht und Karin entgegnet: „Robben? Nein, Robben haben wir hier nicht.“Willem ist der Boss. Und er mag Äpfel. Und er lässt sich natürlich nicht von einer Decke aufhalten, die Karin über den Sack Äpfel in Princesscas Wagen gelegt hat. Und als Karin Willems Hunger bemerkt, ist es schon zu spät. Nun verteidigt er mit sturer Macht den fastleeren Plastikbeutel und gibt ihn erst wieder her, als er ganz leergefuttert ist. Willem ist eben der Boss und vor ihm hat man zu gehorchen. Auch Karin. Magda steht auf Musik. Karin erzählt, wie Magda dem Radio lauscht und zu singen beginnt, wenn Nena trällert. Wie singt denn eine Kuh? Und Stina, die aussieht wie Pippi Langstrumpf und auch so frech ist und Trine, die hier auf Hof Butenland geboren wurde und die Sonne im Herzen trägt und dann ist da auch noch Manuela, die Versuchskuh, die 4 Jahre mit einem riesigen Loch im Bauch diverse Experimente über sich ergehen lassen musste und nun den Hauptgewinn gezogen hat - ein Kuhleben auf Butenland.Das alles sind so perfekt ausgeklügelte Cyborgs, daß ich fast glauben mag, diese Kühe seien echt.

Oder doch?Jetzt, wo meine Erinnerung an den Weinabend wieder zurück kehrt, beschleicht mich auf einmal wieder Unsicherheit. Was ist, wenn doch alles echt ist? Kann Karin wirklich so gut lügen? Kann eine Versuchsleiterin der CIA wirklich so gut vorspielen, dieser Mensch zu sein?Und wenn Prinz Lui tatsächlich ein Schweine-Star mit wunderbaren Allüren ist und Eberhard wirklich ein echter Enterich? Und die Hunde: alles echte Hunde? Aber nein, die Hühner. Doch, die Hühner! Alles Persönlichkeiten. Und die Kühe erst und die Gänse und die Kaninchen und Enten und Pferde und Katzen alles richtige Charaktere, Seelenwesen. Was, wenn diese Tiere wirklich echt sind und auf Butenland einfach das tun dürfen, was Ihnen woanders als „Nutztieren“ nicht vergönnt ist: sich entwickeln? Und was, wenn alle Tiere, die wir für Nutztiere halten, sich so entwickeln würden, wenn man sie nur ließe. Was wenn dieses Experiment gar keines ist sondern das echte Leben? Was, wenn nicht Hof Butenland sondern alles herum künstlich ist, all die Milchkühe auf den Weiden, all die Tiere, denen nur ein kurzes Leben vergönnt ist, die auf den Grills landen und in der Kalbswurst Was, wenn all das Leben künstlich ist, all der Wahnsinn in den meterlangen Fleischregalen der Supermärkte, all der primitive menschliche Anspruch auf das Fleisch hochentwickelter Geschöpfe? Was, wenn ein Ochse wirklich bis zu 30 Jahre alt werden kann und nicht 6 Monate und eine Gans sage und schreibe bis zu 40 Jahre? Was, wenn Hof Butenland das wirklich echte Leben ist, hundertmal echter als das vorgegaukelte auf den Werbebildern, die uns verarschen mit ihrer heilen Welt und dahinter nach Grausamkeit und Kerker stinken? Was, wenn Hof Butenland ein Ort der Freiheit ist inmitten von Höfen, in denen alles Leben in einem schrecklichen System gefesselt ist: das der Tiere und das der MenschenWas, wenn die hohen Selbstmordraten der Bauern ihren Grund in diesen Fesseln haben? Was, wenn jeder Bauer einen solchen Dreh- und Angelpunkt in seinem Leben haben könnte wie Jan es hatte, was wenn jeder Bauer die Chance hätte, die Fesseln abzuwerfen?

Sonntag Abend sitzen wir bei einer Flasche Wein zusammen. Ich bin ehrlich: es sind zwei Flaschen. Und dann werden die Themen tiefer, bald sind Ebenen erreicht, die sich nur nach 2 Flaschen Wein öffnen. Bald sitze ich mit Karin ganz allein da, mitten in der Nacht und dann erzählt sie mir von großen Krisen und großen Schmerzen in der Vergangenheit. Wie beiläufig erzählt sie, daß sie Jan kennen lernte, als beide am Boden zerstört waren, psychische Wracks. Sie erzählt, daß sie, die Tierschützerin ihn, den Bauern, der alles aufgeben möchte, kennen- und lieben lernt. Ein Dreh- und Angelpunkt schält sich da heraus in ihren Worten. Ein Davor und ein Danach, die beide nichts mehr miteinander zu tun haben. Ehemals ein Leben zweier Seelen in einer falschen Welt mit all den Schmerzen die es mit sich bringt, nicht der sein zu dürfen, der man im Inneren ist und danach ein Leben zweier befreiter Seelen, deren Lebensglück sie darin finden, noch viele andere Seelen zu befreien. Und der Dreh- und Angelpunkt ist der erste Blick, das erste Wort, die erste Begegnung. Der Punkt, an dem das „Davor“ endet.Jetzt muss ich schlucken. Ich gebe zu, daß ich in den Tagen nach unserem Besuch sehr berührt war von dem Leben dieser beiden wunderbaren Menschen und ihren wunderbaren Tieren. Erst später, erst als der Bann langsam nachließ, als die Berührungen zu Bildern schrumpften und klingende Worte zu Buchstaben, erst da wachte ich auf aus dem Traum und erst da war mir klar, daß diese beiden Leben und diese 120 Leben keinesfalls echt sein können. Unglaublich gut gespielt, keine Frage. Aber nicht echt.

Sind die Tiere auf Hof Butenland wirkliche Seelenwesen?Persönlichkeiten? Mit liebenswerten und anstrengenden Macken, mit Fehlern und großen Herzen, mit Ängsten, Verklemmungen, mit Sehnsüchten und Gelüsten, mit strahlenden Augen und der ruhigen Pfote von Master auf dem Arm, der einem nickend zuraunt: „Siehst Du, ich habe Dir doch gesagt: alles braucht seine Zeit. Und alles wird gut. Hab Vertrauen in Dich. Hab Vertrauen, daß Du verstehst. Und dann genieße die Freiheit, die Du selbst gefunden hast.“Und dann spüre ich: die Freiheit trägt wirklich jeder in sich. Aber man muss sie erkennen. Und man muss ihr vertrauen, darf sie nicht wieder einsperren und wegschließen. Ganz egal, ob man dafür Spießruten laufen muss. Wir leben für uns, nicht für die künstlichen Konventionen der Gesellschaft.Und dann weiß ich auf einmal: Auf Hof Butenland öffnet sich der Blick in diese Freiheit. Er ist so rein, daß man es zuerst gar nicht glauben mag. Aber dann ...Was für ein großartiges Experiment! Endlich verstehe ich es. Endlich Danke, CIA!



ART for FUTURE

by Marsili Cronberg and friends